Aus dem Leben einer immer Nüchternen

15.00 Uhr

Ich warte auf Felix, einen guten Freund, der zu Besuch nach Leipzig unterwegs ist. Wir haben uns seit Monaten nicht gesehen und ich freue mich total. Seine einzige Bitte ist, dass er sich heute Abend gehen lassen kann, weil er eine stressige Zeit hinter sich hat. Kein Problem, Bier steht bereit, Leute und Location zum feiern stehen.

17.30 Uhr

Felix ist wie immer zu spät. Mir wird langweilig und ich lege mich mit Netflix ins Bett.

18.15 Uhr

Ich bin gerade eingeschlafen, als es klingelt. Da steht Felix und grinst mich an. Wir plaudern über alles Mögliche und weil ich immer noch müde bin, machen wir beide ein Nickerchen. Natürlich alles Partyvorbereitung, immerhin sind wir ja junge vitale Leute…

20.00 Uhr

Schließlich können wir uns doch dazu überwinden aufzustehen. Während ich mich fertig mache, trinkt Felix das Bier, das ich ihm gekauft hatte. Vorglühen alleine, weil ich wie immer wegen meiner Leber nichts trinke. Es wird lustig und er erzählt von den kuriosen Sachen, die ihm passiert sind, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ich meinerseits trinke fleißig Mate, damit ich so lange wie möglich wach bleiben kann.

22.00 Uhr

Weil es beim letzten Mal unglaublich voll war sind wir extra früh am Club und es ist – absolut leer. Selbst von den Freunden mit denen wir verabredet sind ist keine Spur zu sehen. Egal, rein da, es ist kalt. Im Gegensatz zu mir studiert Feli nicht, müsste also den vollen Eintritt zahlen. Aber eine seiner Spezialitäten ist es Leute um den Finger zu wickeln, als flüstert er mir nur verschwörerisch zu, dass ich nichts sagen soll. Er erklärt dem Kassierer, dass er seinen Studentenausweis nicht dabei habe, aber in Leipzig studiere. Der Kassierer schaut uns an. „Zweites Semester?“ Ich nicke. „Ach wisst ihr was, hier habt ihr den Stempel.“, sagt er und winkt uns durch. Felix grinst mich an. Gratis Eintritt, Check.

Vor der Garderobe lächelt uns eine junge Dame neben einem Glücksrad zu. „Na, wollt ihr mal drehen? Ihr könnt hier Energydrinks gewinnen.“ Da ist Felix sofort dabei und erspielt sich eine Dose. „Und du machst jetzt den Hauptgewinn?“, fragt sie immer noch lächelnd zu mir gewandt. Ja sicher, denke ich grinse zurück und drehe. Drrr, drrr, drrrrrrrr. Das Rad bleibt stehen. „Herzlichen Glückwunsch, Hauptgewinn! Hier habt ihr einen Gutschein für die Bar, da bekommt ihr eine Flasche Wodka und vier Dosen Energy.“ Felix und ich schauen uns an. Irgendwas läuft hier heute doch schief, denke ich, aber Felix ist schon mit meinem Gutschein unterwegs. Felix freut sich und erzählt sofort allen Freunden zu Hause, was er gewonnen hat. (Ist ja nicht so, als ob ich das eigentlich habe, aber gut, ich trinke es ja eh nicht.)

22.30 Uhr

Meine Freunde trudeln so langsam ein. Alle stellen sich vor und es gibt zur Begrüßung für jeden der will Wodky-E. Wir haben ja genug. So langsam aber sicher steht eines fest. Es ist und bleibt verdammt leer. Der Grund dafür kann nur eins sein: die Musik ist absolut scheiße. Halbherzig bewegen wir uns auf der Tanzfläche herum. Ich erlebe meinen persönlichen Albtraum, denn in meinen Venen fließt kein Alkohol, der diesen Schrecken dämpfen könnte. Als Nüchterne ist quasi alles von der Musik abhängig, sie macht die Grundstimmung aus. Ich habe schon nächtelang wie im Rausch getanzt, weil mich die Musik so gepackt hat. Davon kann heute keine Rede sein.

23.00 Uhr

Felix ist inzwischen gut abgefüllt und hat trotz allem seinen Spaß. Mir zuliebe geht es sogar zum DJ und versucht ihn dazu überreden andere Musik aufzulegen, aber der weigert sich, er sei hierfür bezahlt worden. Was für ein Idiot.

23.30 Uhr

Meine Laune sinkt zunehmend, aber Felix hat seinen Spaß. Im Moment erzählt er fremden Leuten von seinem Studium in Leipzig, welches er bisher nie erlebt hat und dass die Situation hier im Club sich bald ändern würde, er sei alle zwei Wochen hier. “ Das ist immer so, um die Uhrzeit ist nichts los. Aber kommt mal so halb zwei oder zwei Uhr wieder, dann ist es immer richtig voll

Felix war noch nie in diesem Club.

Ich stehe daneben und versuche angestrengt nicht zu lachen. Wir lassen die zwei Fremden allein und gehen wieder auf die Tanzfläche. Felix nimmt mich in den Arm und sagt mir, dass er sich freut mich wiederzusehen und dass er mich lieb hat. So kann man sogar irgendwie diese Musik aushalten.

00.00 Uhr

Felix ist verschwunden. Zum dritten Mal an diesem Abend. Ich bekomme langsam die Krise. Draußen war er nicht und an der Bar auch nicht. Ich frage die anderen, aber niemand hat ihn gesehen. Plötzlich kommt er auf mich zu. „Wo warst du?“, schreie ich ihn an. Inzwischen bin ich von dieser akustischen Folter halb taub. „Ich hab versucht jemandem den Rest Wodka zu schenken, aber die wollten alle nicht!“, schreit er zurück. Ich schaue die halbvolle Flasche an (erst den Wodka, dann Felix) und runzle die Stirn. Doch bevor ich etwas sagen kann, ist er wieder weg.

01.00 Uhr

Schließlich finde ich ihn draußen, er raucht. „Rebecca, schau dir mal den Tisch an. Der ist noch aus richtigem Holz, sowas wird heute gar nicht mehr hergestellt. Und die Wand, fühl mal. So schön kalt, aus Stein. Es ist echt gut, hier zu sein.“ Dazu fällt mir nichts mehr ein. „Tust du mir einen Gefallen und machst erstmal eine Pause? Ich hol dir eine Cola, okay?“ Der Job der Nüchternen: aufpassen, dass alle anderen den Abend überstehen.

02.00 Uhr

Die Stimmung ist inzwischen ähnlich grottig wie die Musik. Wir hatten gehofft, dass es mit einem DJ-Wechsel besser wird, aber Fehlanzeige. Die Ersten suchen schon nach den Bussen nach Hause. Felix ist wieder nüchterner, aber hat inzwischen Hunger und will unbedingt Fast Food. Also verabschieden wir uns von allen und laufen Richtung Bahnhof.

„Rebecca, ich hab so Hunger!“

-„Ich weiß, wir sind doch unterwegs.“

„Rebecca, wann sind wir endlich da?“

-“ Gleich doch.“

„Okay.“

„Rebecca, ich hab so Hunger!“

Ich fühle mich wie eine Mutti auf dem Beifahrersitz unterwegs in den Familienurlaub. Wundervoll.

02.30 Uhr

Endlich haben wir es geschafft. Felix beißt in seinen Burger und ist der glücklichste Mensch der Welt. Ich kämpfe inzwischen gegen die einsetzende Müdigkeit an, denn wir haben noch den Heimweg mit Nachtbus vor uns und ohne mich kommt Felix wohl kaum heute Nacht noch an.

03.30 Uhr

Nach einer Busfahrt, bei der sich jeder Stop wie eine halbe Achterbahnfahrt anfühlt, sind wir endlich wieder zu Hause. Felix fällt sofort ins Bett und schläft ein. Schließlich krabble auch ich erschöpft unter die Decke, immerhin muss ich morgen früh wider in die Uni und Felix fährt zurück nach Hause. Ich habe zwar nichts getrunken, aber in meinem Kopf dreht sich alles. Hoffentlich bekomme ich keinen Kater.