Kämpf oder Stirb

Wenn ich meine Geschichte erzähle, bekomme ich oft zu hören: „Wie hast du das durchgestanden ohne aufzugeben?“

Gute Frage… Ehrlich gesagt, hab ich keine Ahnung.

Wenn man gesundheitlich eingeschränkt ist hat man so gesehen jeden Tag zu kämpfen, an einigen mehr, an anderen weniger. Mit unterdrücktem Immunsystem kann einem schon ein winziger Schnupfen-Virus die Laune verderben.

Männergrippe ist real und trifft mich als Frau immer wieder. Wenn andere eine süße kleine Schniefnase haben, liege ich überschüttet mit Taschentüchern im Bett und hoffe, nicht im Schlaf zu ersticken.

Das sind so Dinge, die einen immer wieder aus der Bahn werfen und man verliert irgendwie sein alltägliches Leben. Dann muss man ganz schön kämpfen. Sich nicht für immer unter der Decke verkriechen, sondern wieder rauskommen und die Dinge klären, die man versäumt hat. Man muss die Zähne zusammenbeißen und mal eben 12 Vorlesungen nacharbeiten, weil Prüfungen anstehen.

Natürlich gab es Situationen, die viel extremer waren und irgendwoher hab ich die Kraft genommen, sie bis zum Ende durchzuhalten.

Mein Leben wurde immer wieder von Krankenhaus-aufenthalten unterbrochen. Dann kann man mit Büchern, Puzzeln und Serien auf dem Computer nur irgendwie versuchen, die Zeit totzuschlagen. Wichtig ist es dabei, sich wenn irgendwie möglich, nicht ganz und gar die Laune verderben zu lassen. Das macht alles nur noch schwieriger.

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Die schwerste Zeit war vor meiner zweiten Transplantation. Jeden Tag wurde ich gelber und aufgequollener und war wegen psychische Probleme in stationärer Behandlung. Dort wurde ich sehr eingeschränkt. Ich durfte zum Beispiel nicht mehr schwimmen gehen (dabei waren es an die 35 Grad) und weil ich zu wenig Blut hatte, war selbst normale Anstrengung zu viel. Als ich wieder entlassen wurde, konnte ich nicht wieder zur Schule gehen sondern blieb wochenlang zu Hause, während ich immer schwächer wurde. In meinem Bauch hat sich Wasser gesammelt, so dass ich so unbeweglich wurde wie eine Hochschwangere, deswegen lag ich viele Tage im Bett und habe fast nur geschlafen. Immer wartend, dass das Telefon klingelt und wir sofort in die Klinik zur Transplantation fahren würden.

Meine zweite Leber war eine Lebenspende meines Onkels, die mir wahrscheinlich das Leben gerettet hat. Denn es ging mir zwar wirklich schlecht, aber ich war immer noch nicht „krank genug“ für ein Organ von der Liste.

Irgendwann stand der OP-Termin und ich hatte Angst. Ich hatte schreckliche Angst, weil ich genau wusste, was auf mich zukommt und wie schwer es werden würde.

Am letzten Abend zu Hause stahl ich eine Flasche Schnaps aus dem Keller und trank, bis ich schlafen konnte. Nichts, worauf ich sonderlich stolz bin, aber ich wusste mir nicht anders zu helfen. Meine Leber war ja schon kaputt, die zwei Tage bis zur OP würde sie hoffentlich noch durchhalten. Als der Eingriff schließlich überstanden war, wurde es sogar noch schwerer. Meine Nieren hatten versagt, ich hing an der Dialyse und mein Bauch war so geschwollen, dass er erst ein paar Tage später zugenäht werden konnte. Ja richtig gelesen: Ich lag mit offenem Bauch im Bett. Es war zwar alles verbunden, aber eines Tages konnte ich einen Blick hineinwerfen. Ein Horrorfilm ist ein Witz dagegen.

Doch irgendwann war der Bauch wieder zu.

Meine Nieren haben wieder gearbeitet.

Ich habe die Intensivstation verlassen.

Ich habe wieder angefangen zu laufen.

Und meine Haut hat einen normalen Farbton angenommen.

Jeden Tag wurde es ein kleines Bisschen besser. Und ich denke, dass ist es eigentlich, was einen durchhalten lässt. Die Tage im Krankenhaus sind lang und hart, aber irgendwann ist auch der schlimmste Tag vorbei. Selbst wenn du denkst, dass du die Nacht nicht durchstehen kannst, wird es doch irgendwann Morgen und du bekommst die Chance, dass Heute besser wird als Gestern. Du kämpfst nicht an einem Stück furchtlos bis zum bitteren Ende. An manchen Tagen liegst du heulend da und siehst keinen Ausweg. Aber was ist die Alternative?

Aufgeben?

Und dann?