Vivere militare est – Zu leben heißt zu kämpfen

Heute möchte ich euch von einem ganz besonderen Mädchen erzählen, das mir viel bedeutet.

Elena und ich haben uns bei einem Freizeitwochenende für transplantierte Kinder und deren Eltern kennengelernt. Das ist ein Angebot von Kinderhilfe Organtransplantation und findet jedes Jahr statt. Die Kinder und ihre Familien sollen dabei in entspannter Umgebung und durch Erlebnispädagogik lernen, mit den Folgen der Operation zurecht zu kommen.

Dafür wurden wir in einem wunderschönen Hotel untergebracht umgeben von dichtem Wald. Wir waren eine Gruppe von ca. 15 Kindern plus unsere Eltern. Meine Mutter war traurig, dass ich mir kein Zimmer mit ihr teilen würde, doch kurz nach meiner Transplantation war ich endlich auch nachts unabhängig und ich freute mich. Wie sich herausstellte, gab es nur noch ein weiteres Mädchen, mit dem ich auf einem Zimmer sein sollte, die restlichen Kinder waren alles Jungs. Das machte mich etwas nervös, denn sollten wir uns nicht verstehen, könnten wir an der Zimmersituation nichts mehr ändern.

Doch Elena kam schon in der Lobby auf mich zu und sagte, dass sie schon ganz gespannt sei, wer auf ihrem Zimmer sein würde und freute sich zu hören, dass ich diejenige war.

Sie erzählte mir, dass alle anderen schon im Hotelschwimmbad wären und dass ich mich ja schnell umziehen und auch kommen könnte. Gesagt, getan, ich warf mich in meinen neuen Bikini und wir gingen schwimmen.

Elena erzählte mir, dass sie sich nicht traute, einen Bikini anzuziehen, weil ihre Narben leider nicht so schön seien wie meine. Verrückt, dass selbst bei sowas zwischen schön und nicht schön unterschieden wird, nicht wahr? Als reichte es nicht, dass sie unser Leben gerettet haben, sie müssen auch noch gut aussehen.

Wir verstanden uns sehr gut, wir liebten beide Fantasy-Bücher, hatten einen unerschütterlichen Optimismus und waren uns für keinen Spaß zu schade. Viel zu doll geschminkt saßen wir abends an der Hotelbar und tranken jeden alkoholfreien Cocktail auf der Karte, bis uns so schlecht war, dass wir aufs Zimmer gehen mussten. Das Wochenende ging viel zu schnell vorbei, doch unsere Freundschaft blieb bestehen. Wir machten sogar eine weitere Freizeit zusammen.

Wie sich herausstellte waren wir in der gleichen Klinik und immer, wenn ich dort war, besuchte Elena mich. Sie brachte mir Bücher zur Ablenkung, schmuggelte Fastfood ins Krankenhaus oder leistete mir einfach Gesellschaft. Ab und zu waren wir sogar zeitgleich auf Station und das machte die Krankenhausbesuche zum Ferienlager. Einmal haben wir in der Krankenhausküche gekocht und dafür furchtbaren Ärger bekommen, weil es danach nicht wieder ordentlich genug war. Wir haben sogar auf dem Krankenhauszimmer Haare gefärbt und unser gemeinsames Zimmer zu „Lebergirls ✊🏻“ umbenannt. Unser Arzt fand das Schild an der Tür und unseren Optimismus beeindruckend, für uns war es der einzig richtige Weg, die Sache zu betrachten.

Allerdings verschlechterten sich unsere Zustände, Elenas schneller als meiner. Sie begann, sich im Krankenhaus sicherer zu fühlen als zu Hause, denn immer wenn Elena zu Hause war, ging es ihr wieder schlechter. Nur ich kannte ihr Geheimnis, dass sie einige Medikamente heimlich nicht nahm und nur ich verstand, wieso.

Es war nicht so, dass sie sich selbst schaden wollte, aber manchmal, wenn man so viele Medikamente nimmt, dass man sie nicht mehr zählen kann, bekommt man das Gefühl, sich selbst zu vergiften. Ich kannte dieses Gefühl nur zu gut…

Wir waren beide für eine neue Leber gelistet und warteten auf den Anruf, der uns sagen würde, dass es ein passender Spender für eine von uns war, doch ich wünschte es ihr fast mehr als mir. Sie freute sich sogar deswegen auf die erneute Transplantation, weil dann endlich auch ihre Narben verbessert werden konnten. Doch die Zeit wurde knapp. Elena wurde immer dünner und schwächer, ihre Hautfarbe wurde von gelb zu braun-grün, doch sie weigerte sich, ihren Vater nach einer Lebendspende zu fragen, da sie ihn nicht um so ein großes Opfer bitten wollte. Letztendlich willigte sie ein, alles wurde vorbereitet und es konnte los gehen. Doch gerade dann befiel Elena ein Virus und der Eingriff musste verschoben werden. Dieser Infekt war es, den sie nicht mehr bewältigte, ihr Endgegner. Kurz vor der Transplantation schlief sie ein und wachte nicht wieder auf.

Ich bekam damals den Anruf von einem gemeinsamen Freund, als ich gerade mit Klassenkameraden in meinem Internatszimmer saß. Um zu telefonieren war ich kurz in den Flur gegangen und als ich das Zimmer wieder betrat, war eine Welt für mich zusammengebrochen.

Ich konnte kaum raus bringen, was passiert war und schluchzend lag ich in den Armen meiner Freunde. Zu sehen, dass so ein starker Mensch es nicht geschafft hat, den Kampf für ein neues Organ zu gewinnen ließ mich bezweifeln, dass ich es selbst jemals schaffen könnte.

Gemeinsam mit meiner Mutter fuhr ich zur Trauerfeier, die sehr bewegend war. Ihre Lieblingsmusik wurde gespielt und Freunde erzählten von all den schönen Dingen, die sie gemeinsam erlebt hatten. Mir kam in den Sinn, wie viel Freude Elena mir gebracht hatte, wie lieb sie war, dass sie niemals ein schlechtes Wort über einen anderen Menschen verloren hat. Und dass sie vielleicht die einzige Person war, die wirklich nachempfinden konnte, wie ich mich gefühlt habe.

Ich hoffe, dass es ihr gut geht, wo auch immer sie ist. Manchmal denke ich, es war besser so. Ihre Kraft war aufgebraucht und ihr Lebenswille nicht mehr groß genug. Ein Teil von ihr hatte aufgegeben. Und trotzdem hat sie so unendlich viel bewirkt bei allen Menschen, die sie kennen lernen durften und ich bin mir sicher, dass niemals jemand vergessen wird, wie stark dieses Mädchen wirklich war.