Die Probleme des Alltags

Die Frage aller Fragen, wenn man etwas Neues beginnt: Wie fange ich an?

Ich bin mir sicher, dass jeder mit psychischen Hürden zu kämpfen hat, unabhängig davon wie groß sie sind und wie sie sich äußern. Manche haben die Kraft, sie allein zu überwinden, manche benötigen Hilfe. Da ich aber niemandem in den Kopf schauen kann, kann ich nur erzählen, was in mir vorgeht, wenn ich eine solche Hürde erreiche.

Meine Erkrankung fordert sehr viel von mir, physisch, emotional und psychisch, doch es sind die Dinge im Alltag, die mich wirklich aus der Bahn werfen. Und die kommen entweder unbemerkt oder mit voller Wucht, noch verstärkt durch meine Medikamente.

An manchen Tagen bin ich völlig ausgebrannt von der Uni, hab die Nase voll von jeglicher Kommunikation und will mich tagelang nur noch verkriechen und bei niemandem mehr melden. Einfach nur noch schlafen, bis ich mich nicht mehr müde fühle und wenn es eine Woche dauert. Besonders im November streckt sich dieser Zustand gefühlt endlos aus, der typische Winterblues. Doch was, wenn es wirklich nicht aufhört? Wenn sich die Laune nicht heben will und es nicht nur am Lichtmangel liegt? Wieso sonst habe ich diesen Zustand auch im Mai, der ja nun mit Winter nur noch wenig zu tun hat?

Es sind immer die gleichen Ratschläge, die ich dann zu hören bekomme: Geh mal raus, du brauchst Sonnenlicht, mach Sport, das macht glücklich, unternimm was mit Freunden, das lenkt dich ab.

So ein Unsinn.

Natürlich ist es nicht klug, sich komplett von der Außenwelt abzuschotten. Aber man muss zugeben, dass es auch wirklich gut tun kann. Einfach mal ein oder zwei Tage im Bett liegen, die Lieblingsserie schauen und sich mit Lieblingsessen verwöhnen. Dass das kein Dauerzustand sein kann ist einem unterbewusst klar und es kommt der Punkt, an dem man sich wieder hervorwagen und der Außenwelt stellen muss. Dieser Schritt fordert Stärke, doch meist hilft eine Auszeit vom Leben auch, ein paar Dinge wieder klarer zu sehen und sie in das richtige Licht zu rücken.

An meiner Schule gab es sogenannte „Karenztage“. Wenn man volljährig war, hatte man drei Tage im Schuljahr, an denen man unentschuldigt fehlen durfte. Sie waren dazu gedacht, zu Hause zu bleiben, wenn man sich nicht hundertprozentig leistungsfähig fühlte, aber auch nicht so krank, dass man zum Arzt musste. Ich habe einen solchen Tag auch als Möglichkeit gesehen, in Ruhe den Stapel abzuarbeiten, der sich angesammelt hatte.

Es ist notwendig, sich solche Zeiten zuzugestehen, die Geschwindigkeit der Welt für sich selbst einmal zu verlangsamen und genau das zu tun, was einem selbst am Besten tut und woraus man langfristig wieder Kraft schöpfen kann. Das kann bei jedem anders aussehen, Arbeit um den Stress zu reduzieren, Sport um sich auszupowern, ein Abend mit Freunden oder wirklich ein Tag im Bett. Wichtig ist, sich die Zeit zu nehmen und darauf zu achten, was man wirklich braucht und nicht nur auf Ratschlage zu hören, die auf die Allgemeinheit abgestimmt sind.