Story Time Part 5

Nachdem ich in dieser neuen Klinik war, wurde natürlich auch mein Essensplan im „normalen Leben“ angepasst. Das hatte den Vorteil, dass ich nun in den Pausen essen konnte, weil sich die Zeiten besser überschnitten. Der Nachteil war, dass ich gleich nach dem Aufstehen, wenn ich noch satt von meiner Nachtverpflegung war, doppelte Portionen herunterbekommen musste.

Es ist bis heute so, dass ich nach dem Aufstehen mindestens ein, zwei Stunden brauche, bis ich überhaupt an essen denken kann und das war früher nicht anders. Außer, dass ich die ganze Nacht mit der Magensonde „gegessen“ habe und keine Wahl hatte. Ich musste mich überwinden, musste mich zwingen, nicht nur morgens sondern bei jeder Mahlzeit und von Tag zu Tag mehr. Jeden Abend ging ich mit Angst vor dem Morgen ins Bett, denn ich wusste, mit dem neuen Morgen kommt auch neues Essen.

Schließlich konnte ich einfach nicht mehr. Ich begann mich vor dem zu ekeln, was ich herunterwürgte. Nicht nur vor den Mengen, sondern vor Essen allgemein. Allein bei dem Gedanken, etwas zu mir zu nehmen wurde mir so schlecht, dass ich mich oftmals in der Schule übergeben musste.

Ich steckte in der Klemme. Mir war klar, wie dringend ich das Essen brauchte, doch jeder Bissen in meinem Mund wurde immer mehr und ich brauchte Stunden, um eine Mahlzeit zu beenden, wodurch ich wieder direkt vor der nächsten stand. Es war eine nicht enden wollende Tortur.

Ich konnte mit niemandem darüber reden, ich schämte mich so. Wer würde verstehen können,  dass ich so etwas mir und meiner Familie antat? Mit Glykogenose nicht zu essen, hat Konsequenzen: Zwangsernährung. Und zwar durch eine Magensonde, welche durch ein Loch in der Bauchdecke direkt in den Magen gelegt wird. Das wollte ich auf keinen Fall, damit hätte ich gar keine Kontrolle mehr über mein eigenes Leben.

Ich fühlte mich einsam und hilflos. Die Brote, die ich nicht aß, versteckte ich oder versuchte, sie irgendwie los zu werden, manchmal nahm ich sie gar nicht erst mit zur Schule. Völlig unterzuckert saß ich im Unterricht, unfähig, irgendetwas aufzunehmen, es gab nur mich und das dumpfe Leiden meines Körper, das ich zu ignorieren versuchte. Das Gefühl zu beschreiben, ist unmöglich. Alles in mir schrie nach Nahrung, brauchte Energie und trotzdem war Essen unmöglich. Ich hatte keine Schmerzen, nur ein flaues Gefühl im Bauch, doch der Mangel machte sich deutlich bemerkbar. In meinem Kopf war nur Nebel, durch den mich wenig erreichte, als würde ich unter Drogeneinfluss stehen. Wieso das niemandem auffiel, weiß ich nicht.

An die sechste Klasse hatte ich schon früher keinerlei Erinnerungen. Zu niedriger Blutzucker tötet Hirnzellen ab und manchmal habe ich das Gefühl, bis heute die Folgen dieser Zeit zu spüren. Eines Nachmittags saß ich vor dem Fernseher und schaute Spongebob Schwammkopf. Als mir klar wurde, dass ich den stumpfen Dialogen dieser Serie nicht folgen konnte, maß ich meinen Blutzucker: 17 Milligramm pro Deziliter. Hundert sind normal, unter Sechzig sollte ich nicht fallen, ein Blutzucker von Null führt zum Tod. Dass ich noch senkrecht gehen konnte war ein Wunder. Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen.

Wenn ich in der Schule war, habe ich meinen Blutzucker nicht mehr gemessen. Die Daten wurden auf dem Gerät gespeichert und hätten zu Fragen geführt. An manchen Tagen sagte ich mir: Rebecca, das geht nicht, wo soll das denn hinführen? Und denk an deine Eltern, das haben sie nicht verdient. An solchen Tagen versuchte ich zu essen, was ab und zu klappte. Jede Mahlzeit verbuchte ich als Gewinn, auch wenn diese Tage selten waren.

Doch natürlich fiel mein Kartenhaus irgendwann über mir zusammen. Meine Eltern fanden die nicht gegessenen Brote. Ich erinnere mich an die Verzweiflung meiner Mutter, die sich fragte, was sie falsch gemacht habe, dass ich nun so mit meinem Leben spielte.

Wir sind wieder in die Klinik gefahren, diesmal wieder die in meiner Nähe. Man schlug mir einen langfristigen Aufenthalt vor, in dem man meine Ernährung besser beobachten und auf meine Probleme besser eingehen könne.

Und so landete ich in der Psychosomatik.