Viele, viele weiße Smarties

Meine Leberwerte sind schon seit langem zu hoch und die Klinik hofft, dass jetzt eine Cortisonstoßtherapie helfen könnte. Deswegen nehme ich  3 Tage lang 20 mal so viel Cortison wie üblich.

Ich kenne solche Stöße bereits, aber da hatte ich die Mittel unter Beobachtung im Krankenhaus direkt in die Vene bekommen. In dieser Zeit hatte ich sehr mit den Nebenwirkungen zu kämpfen. Psychische Auswirkungen, Schmerzen und sogar Diabetes sind während der Behandlung aufgetreten.

Es ist das erste Mal, dass ich diese Form der Therapie selbst zu Hause durchführe und ich bin ziemlich nervös, wie sich die Nebenwirkungen in meinem Alltag bemerkbar machen werden…

Tag 1 (100mg)

Pillen zum Frühstück, wie jeden Tag. Heute allerdings mit der ersten sehr hohen Dosis Cortison. (Natürlich musste ich nicht 20 kleine Tabletten schlucken, sondern nur zwei Große, aber wegen der Dramatik auf dem Foto sieht das einfach besser aus.)

Die Nacht ist sehr beschwerlich gewesen, ich habe kaum eine Stunde am Stück schlafen können, da mein Bauch mir Probleme bereitet hatte.

Dementsprechend unmotiviert gehe ich in die Uni. Völlig zu unrecht, denn das Seminar stellt sich als spannend und abwechslungsreich heraus. Ich bin total überrascht.

Dennoch gehe ich anschließend direkt wieder nach Hause um mich auszuruhen und Dinge zu erledigen, die mir meinen ganzen Schreibtisch zumüllen. Im Endeffekt liege ich allerdings mit einer Wärmflasche im Bett und schaue Netflix. Der Klassiker.

Und da merke ich es. Die ersten Anzeichen, dass etwas anders ist als sonst. Es geht mit einem Kribbeln los, das sich immer schneller in tausend kleine Nadelstiche verwandelt. Erst im unteren Rücken und schließlich die ganzen Beine. Das fühlt sich an wie eine besonders schlechte Form der Akupunktur. Ich hoffe kurz, dass es wieder vorbeigeht, doch ich erinnere mich auch daran, diese Nebenwirkungen schon einmal durchgemacht zu haben.

Abends finde ich mich plötzlich vor dem Waschbecken wieder, Wasser in mich reinschüttend, als wäre es… naja Wasser eben. Aber normalerweise trinke ich eben nicht drei Liter auf einmal davon. Ich freu mich schon auf die ständig volle Blase heute Nacht. Abgesehen davon wird mein Rücken mit jeder Sekunde schlimmer.

Tag 2 (100mg)

Der zweite Tag beginnt ziemlich gut, denn ich habe frei. Mein Seminar in der Uni fällt aus. Aus irgendeinem Grund ist der Professor nicht da. Ich kenne den Grund nicht und muss ihn auch gar nicht wissen. Wichtig ist nur, dass ich auch so genug zu tun habe. Den Vormittag über trudeln ständig neue Mails rein und eigentlich ist der Schreibtisch immer noch von gestern voll. Doch von irgendwo her ziehe ich tatsächlich so etwas wie Motivation und schaffe es eine Sache nach der anderen zu erledigen. Woher auch immer die Energie kommt, ich muss sie ausnutzen, denn solche Tage sind immer seltener. Und so bringe ich die Wohnung auf Vordermann und erledige alle möglichen Sachen nebenbei.

Doch gegen Mittag merke ich wieder die ersten Nebenwirkungen. Ich trinke ohne Pause und meine Finger beginnen mehr zu zittern als sonst. Es ist anstrengend, aber ich versuche es zu ignorieren. Langsam aber sicher kommt auch der gefürchtete Fressflash. Man isst und isst und isst und kann gar nicht mehr aufhören. Blöd ist nur, wenn mein Blutzucker wieder so überempfindlich reagiert. Leider habe ich auch kein Blutzuckermessgerät mehr im Haushalt um die Sache im Auge zu behalten. Also gibt es möglichst nur Zeug ohne Kohlenhydrate. Ich schlurfe in den nächsten Supermarkt und kaufe ein: Kohlrabi, Gurke, Chicorée… und Hackfleisch. Wenn ich nur Gemüse esse falle ich heute Abend um.

Einmal die Woche geht es für mich zum Tanzkurs. Rock’n’Roll, was quasi 90 Minuten non-stop Springen ist. Danach ist man komplett nassgeschwitzt und außer zu duschen und zu schlafen hat man keine Wünsche mehr im Leben. Aber es macht mir sehr großen Spaß und deswegen will ich es auf keinen Fall ausfallen lassen.

Doch als wir nach dem Training nach Hause kommen, merke ich, dass mir der Rücken wehtut und ich mich kaum bewegen kann. Nicht wegen des Tanzens, sondern vom Cortison. Die Nacht wird lustig.

Tag 3 (100mg)

Ab 4 Uhr morgens liege ich wach. Schmerzen in Beinen, im Rücken und überhaupt überall.

Christian muss früher los als ich und eine halbe Stunde vorm Wecker klingeln schlafe ich noch einmal ein. Schließlich sitze ich im Seminar und kann meine Gedanken kaum beisammen halten. Alle 10 Sekunden schweife ich ab, was ungünstig ist, bei einem Professor, bei dem man alles parallel mitschreiben muss. Aber mein Kopf will nicht, wie ich will, mir ist schwindlig und habe diffuse Gedanken über alles und nichts.

Als ich mittags wieder zu Hause bin setze ich mich an den Schreibtisch. 20 Seiten Ausarbeitung bis Mittwoch. Wenn es nach dem Professor gegangen wäre, könnte ich nächste Woche meine Prüfung ablegen. Der entspannte Alltag einer Studentin. Nach zwei Stunden gebe ich auf, packe meinen Koffer fürs Wochenende und lege mich ins Bett, weil ich inzwischen kaum noch geradeaus schauen kann.

Christian kommt von der Arbeit und los geht es nach Dresden. Den ganzen Abend über macht mein Bauch, was er will. Als ich mich zum Schlafen umziehe sehe ich aus wie im 5. Monat schwanger. Weder schwanger, noch Food-Baby, sondern einfach sehr, sehr viel Luft.

Die Nacht ist wieder stressig, weil ich nicht auf meinem dicken Bauch schlafen kann, ohne dass er wehtut. Zum Glück sind die drei Tage volle Dosis vorbei.

Tag 4 (50mg)

Doch jetzt geht das eigentliche Problem los. In der Klinik hat mir niemand einen genauen Plan gegeben, wie ich das Medikament am besten reduziere. Der Körper gewöhnt sich an hohe Dosen Cortison und deswegen muss es am Besten langsam ausgeschlichen werden. In Kiel heißt es mein Professor ist erst ab Montag wieder zu sprechen. Mhh. Ich versuche mich zu erinnern, wie das die letzten Male gehandhabt wurde und entscheide mich für die Hälfte der Dosis. Aber irgendwas kann da nicht hinhauen, wenn man so eine Entscheidung der Patientin überlässt. Ich fühle mich allein gelassen.

Noch dazu sind meine Rückenschmerzen jetzt eindeutig Nierenschmerzen. Ich wickle mir einen extra Schal um die Taille bevor es rausgeht und wir stundenlang durch die herbstlich-kühle Sächsische Schweiz wandern. Es tut gut, draußen zu sein und es tut gut meinen Körper zu nutzen.

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Den Preis für die Aussicht bezahle ich beim Abendessen. Jeden Bissen, den ich zu mir nehme, beantwortet mein Magen mit Feuer. Es ist, als sei das lodernde Tor zur Hölle in meinem Bauch aufgestoßen worden.

Vielleicht wäre es ja sinnvoll gewesen, einen Magenschutz zu den erhöhten Medikamenten zu bekommen? Langsam werde ich sauer, dass ich nur einen Anruf bekam, in dem es hieß: Du nimmst dann bitte drei Tage lang 100mg Cortison. Auf meinen Rückruf hin habe ich keinen Arzt sprechen können.

Als ich im Bett liege, merke ich, dass mein Hals mit jeder Minute entzündeter ist. Höheres Cortison gleich geringeres Immunsystem gleich größeres Infektrisiko…

Tag 5 (50mg)

Heute geht es wieder nach Hause und heute bin ich schön erkältet. Mein Hals ist offen, die Nase kribbelt und läuft alle fünf Minuten. Also heißt es Suppe und Tee, ausruhen und abwarten, was ich morgen in der Klinik höre. Hoffentlich haben sich die letzten Tage irgendwie gelohnt und Herbert hat mit dem Cortison ein bisschen Hilfe bekommen.

Tag 6 (25 mg)

Ich bin wieder im Krankenhaus. Nach der Blutentnahme soll ich wieder nach Hause geschickt werden, doch ich protestiere: Ich habe jetzt eine Woche lang ein starkes Medikament in einer hohen Dosis genommen und fühle mich deutlich schlechter ale vorher, ich würde gern mit einem Arzt darüber sprechen. Die Krankenschwester fragt nach und sagt, ich dürfe bleiben. Na Dankeschön!

Nach nur 5 Stunden bin ich dann auch an der Reihe und erzähle vom Infekt, meinen Nierenschmerzen und frage, wie es jetzt weiter gehen soll. Der Arzt schaut sich meine Werte an und erklärt, dass ich das Cortison absetzen kann, da es nichts gebracht hätte, sondern meine Leberwerte sogar weiter gestiegen sind. Außerdem reagiert mein Blutzucker stark, vielleicht brauche ich eine Zeit lang zusätzliches Insulin. Auf jeden Fall will er meine Leber bald im MRT ansehen, einen Ultraschall machen und ich soll in einer Woche zur Blutentnahme wieder hier sein.

Was ich darauf sagen soll, weiß ich nicht. Die Nacht war wieder schlaflos gewesen und ich bin den Tränen nahe. Also hole ich mir meine Termine und gehe.

Man vergisst schnell, dass man krank ist, wenn man sich gesund fühlt.

Und nicht immer sind Medikamente die beste Medizin.