Story Time Part 11

Ich begann mich nach einem Neuanfang zu sehnen, einem Ort ohne das ganze Drama, welches ich schon mein Leben lang  ungewollt verursacht hatte. Ich dachte an einen Schulwechsel, aber in unserer kleinen Stadt waren die Möglichkeiten begrenzt.

Die nächste Schule war ein ganzes Stück entfernt, was für mich geheißen hätte, jeden Morgen und Nachmittag mit dem Bus zu fahren. Nicht besonders verlockend.

Und dann habe ich mich gedacht: wenn schon eine Schule weiter weg, warum nicht gleich ganz weit weg? Also habe ich gezielt nach Internaten gesucht. Ich hatte schon immer ein großes Interesse an Sprachen und so stieß ich auf ein Sprachengymnasium. Als ich jedoch sah, dass dort ab der siebten Klasse Chinesisch unterrichtet wurde, fiel diese Schule als Option ziemlich schnell aus. Ich musste schon genug nachholen, da wollte ich es mir nicht noch um das fünfzigfache schwerer machen.

Aber dann bin ich auf das Musikgymnasium gestoßen. Abgesehen von dem Vorfall im Musikunterricht kurz zuvor hatte ich eigentlich immer gerne gesungen. Das Beste war jedoch, dass meine damalige beste Freundin in der gleichen Stadt wohnte, in der auch diese Schule war. Außerdem dachte ich: „Cool, Internat, das wird bestimmt genauso wie bei Schloss Einstein!“ Später fand ich heraus, dass viele das vor der Aufnahme an der Schule dachten. Ach, was waren wir naiv.

Meine Mutter war jetzt nicht unbedingt begeistert von dem Gedanken, dass ich von zu Hause weg gehen würde. Es war immer noch neu für sie, dass ich jetzt eigenständig sein konnte und nicht mehr ständig beschützt werden musste. Trotzdem sagte sie mir, wenn ich wirklich vor habe, auf ein Internat zu gehen, dann solle ich mich selbst darum kümmern eine Schule auszusuchen und wenn es soweit sei, würde sie auch mit mir hinfahren, sich die Schule mit mir zusammen ansehen, und mich bei allem weiteren unterstützen. Ich finde ja, das war die perfekte Reaktion. Mein Vater reagierte ganz anders. Als ich ihm sagte: „Papa ich will aufs Internat gehen!“, sagte er darauf hin nur: „Ach, das ist doch nur eine Schnapsidee.“

Nach bestandener Aufnahmeprüfung, bei der ich lernte, dass ich eine wahre erste Sopranistin bin, die nie gelernt hatte eine Begleitstimme zu singen, erklärte ich ihm sehr freudig dass ich jetzt tatsächlich aufs Internat gehen würde. 

Sorry Papa, war wohl doch keine Schnapsidee.

Der Wechsel auf die neue Schule brachte mit sich, dass ich eine Klasse wiederholen musste. Das fand ich jetzt aber gar nicht mehr so schlimm, ich kannte dort ja eh niemanden. Da es aber in der neuen Schule sehr viel neuen Zusatzunterricht gab wie zum Beispiel Musiktheorie, Gehörbildung, Musikgeschichte, Klavier, Chor (ja das war Unterricht bei uns), sowie Gesangsunterricht und später noch Chorleitung, war ich auch gar nicht böse darum, ein bisschen mehr Zeit zu haben, um möglichst viel von dem Musikkram nachholen zu können. 

Das Ende dieses Schuljahres würde zeigen, dass es ein Glücksfall war, dass ich diese Extrarunde gedreht habe.

Übrigens: Als sich damals herumsprach, dass ich auf ein Internat gehen würde, wurden meine Eltern wiederholt gefragt, ob es Probleme bei uns zu Hause gegeben hätte. Diesen Menschen empfehle ich dringend, sich die Serie Schloss Einstein einmal anzusehen. Nicht alle Kinder, die auf ein Internat gehen, werden von ihren Eltern dorthin abgeschoben und nein, ich bin auch nicht gegangen, weil ich meine Familie nicht mochte.

Ich mag Musik, deshalb bin ich gegangen.