Flitterwochen im Krankenhaus

Wenn es eins gibt, was ich perfekt hinkriegen, dann ist es schlechtes Timing.

Ich meine, wirklich. Zwei Jahre sparen, ein Jahr im Voraus geplant und schon alles bereit – und dann lande ich drei Tage vor unserer Abreise in die Flitterwochen in der Notaufnahme.

Und das ohne Vorwarnung.

Am Donnerstagmorgen bin ich mit einem Zwicken im Bauch aufgewacht. Meine große Milz hat mal wieder aufgemuckt. Keine große Überraschung, schließlich tut sie das immer wieder, manchmal über Monate. Also hab ich mir meine Koala-Wärmflasche „Koko“ umgebunden und hab mich auf den Weg zur Arbeit gemacht. Bei den herbstlichen Tagen diesen Sommer war Koko zum Glück eine angenehme Begleiterin.

Doch zum Feierabend hin merke ich, dass ich ziemlich abbaue. Also schnell nach Hause und ein Nickerchen. Doch ich wache auf und fühle mich als hätte mich ein Laster überrollt. Mein Schädel brummt, der Rücken ist wie mit Nägeln gespickt und ich habe eindeutig Fieber. Ich hoffe, dass eine weitere Runde Schlaf alles wieder ins Lot bringt, aber immer wenn ich aufwache fühle ich mich schlechter und das Fieber ist höher. Ich kann mich nicht dazu überwinden, aufzustehen, um mir eine neue Wärmflasche zu machen, weil ich ohne die drei Decken, die mich begraben, unvorstellbar frieren würden. Christian ist nicht da, um mir zu helfen, da er für den Rest der Woche in Leipzig ist.

Schließlich ist mein Fieber so hoch, dass ich Angst bekomme; ich rufe den Ärztlichen Bereitschaftsdienst an. Nachdem ich jeder Person am anderen Ende der Leitung aufs Neue erklären muss, welche Symptome ich habe und dass ich lebertrsnaplantiert bin ist die Antwort, die ich bekomme: „Ja, da müssen sie halt ins Krankenhaus fahren“ und auf meine Aussage, dass ich allein bin und kaum stehen kann: „Tja, da kann ich ja jetzt nicht für, rufen Sie sich halt ein Taxi.“

Danke für nichts.

Inzwischen ist es 22:30 Uhr und mein Fieber bei 39,5 Grad Celsius. Da ich mir sicher bin, das ich die drei Etagen nach unten niemals allein bewältigen könnte, geschweige denn das möglicherweise auf mich zukommende Prozedere im Krankenhaus, rufe ich meine Nachbarin an, in der Hoffnung, sie nicht aus dem Bett zu klingeln. Glücklicherweise ist sie noch wach, dafür würde sie es jetzt aber auch bis 3:30 am Morgen bleiben (Sorry, Franzi).

Also machen wir uns auf den Weg und ich kämpfe bei jedem Schritt, inzwischen habe ich solche Rückenschmerzen, dass ich kaum gerade stehen kann. Glücklicherweise dauert es beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst nicht lange bis wir mit dem Arzt sprechen können. Allerdings hört er nur das Wort lebertransplantiert und wirft die Hände in die Luft: „Das ist mir zu heiß, da gehen Sie mal lieber die Treppe runter in die Notaufnahme“.

Also heißt es für mich noch mehr Schritte, als wir im Wartebereich sind, lege ich mich quer über drei Stühle. Mein Rücken schmerzt so sehr, dass ich nicht mehr sitzen kann. Wir müssen wieder nicht lange warten, um aufgerufen zu werden. Doch kaum sind wir im Behandlungszimmer kommt schon die Ansage: „Wir werden Sie stationär aufnehmen, allerdings haben wir keine Betten frei, es kann sein, dass Sie die Nacht hier in der Notaufnahme verbringen müssen.“
Mir schnürt sich die Kehle zu, ohne Vorwarnung im Krankenhaus zu landen ist eine meiner größten Ängste, die sich leider immer wieder in die Realität verwandelt. Dass ich drei Tage später in einem Flugzeug in die Flitterwochen sitzen will macht die Sache nicht besser.
Währenddessen wird mir ein halber Liter Blut abgenommen und ich zähle ein weiteres Mal meine Symptome auf, wobei ich direkt angemacht werde, wieso ich keinen Medikamentenplan und am Besten noch meine Arztbrief der letzten drei Jahre dabei habe. Wie kann ich es wagen…

Ich hätte gern etwas gegen die Schmerzen. Doch jetzt soll ich erstmal zum Röntgen, um zu überprüfen, ob ich einen Infekt der Lunge habe. Zwar hatte ich erklärt, dass ich Schmerzen im unteren Rücken hatte und den ganzen Tag nicht zur Toilette gegangen war, aber gut, schließen wir eine Erkältung aus. An Franzis Arm hängend schlurfe ich also Richtung Röntgenabteilung, als wir zurück ins Behandlungszimmer gerufen werden.

Wir haben vergessen Sie zu fragen, ob ich schwanger bin.
Nein.
Sind Sie sicher?
Ja.
Wir müssen trotzdem einen Schwangerschaftstest machen, nehmen Sie nochmal einen Moment Platz.

Also liege ich noch eine weitere Stunde da und versuche die Schmerzen auszuhalten.

In der Zwischenzeit kommt jedoch ein erstes Ergebnis rein, dass das Röntgen unnötig macht: Zehntausende Bakterien im Urin, Blasenentzündung – also doch nicht die Lunge, wer hätte es gedacht. Die gute Neuigkeit ist, dass es auf der Urologie ein freies Bett für mich gibt und ich die Nacht nicht in der Notaufnahme verbringen muss. Ich schwinge mich von der Liege und mir wird direkt schwarz vor Augen und ich habe das Gefühl mich übergeben zu müssen. Mein Kreislauf hat sich in den letzten Stunden wohl vollends verabschiedet. Also geht es zurück auf die Liege. Ich bekomme einen halben Liter Flüssigkeit und etwas gegen die Übelkeit in die Vene und warte weiter. Zu diesem Zeitpunkt schafft Christian es endlich mich in dem Funkloch des Krankenhauses zu erreichen. Er hatte seit Stunden nichts von mir gehört und ist halb krank vor Sorge, ich bringe ihn auf den neuesten Stand und überrede ihn schlafen zu gehen, da es nichts gab, das er für mich tun kann.

Endlich, gegen drei Uhr morgens schaffe ich es in einen Rollstuhl und werde auf Station gebracht, wo es die erste Ladung Antibiotikum i.V. gibt. Ich warte, bis es fertig gelaufen ist und dann, endlich, bekomme ich ein Schmerzmittel, mit dem ich endlich einschlafe.

Den nächsten Morgen erkläre ich allen Ärzten, dass ich am Montag in die Flitterwochen fahren will und alles tun werde, was ich kann, um sie nicht zu verpassen. Franzi fährt dreimal zu mir, um mir Kleidung und all meine Ordner voller Arztbriefe zu bringen. Die Ärzte rufen meinen Prof in Kiel an, um mir so gut wie möglich zu helfen, währenddessen verschlafe ich den ganzen Tag und warte darauf, dass Christian trotz aller Zugverspätungen und -umleitungen bei mir sein kann. Wir überlegen, ob wir notfalls ein, zwei Tage später fliegen könnten.

Doch am nächsten Morgen haben sich all diese Überlegungen erledigt: Mein Zustand hat sich so weit verschlechtert, dass ich auf die Intensivstation verlegt werden muss. Ich bekomme ein CT mit Kontrastmittel, an das ich mich im Nachhinein kaum noch erinnern kann. Um mein neues Bett piepsen überall Geräte und zahllose Antibiotika laufen durch Schläuche in mich hinein. Mein ganzer Körper juckt von den hohen Leberwerten. Mir fällt es zunehmend schwer zu atmen und ich bekomme einen Schlauch mit Sauerstoff. Christian kommt mich am Nachmittag besuchen, aber ich kann nicht mal für diese zwei Stunden wach bleiben.

Währenddessen geht unser Flieger ohne uns.
Es ist fast egal, weil ich eh nichts anderes machen kann, als zu schlafen. Aber auch nur fast.
Nichts ist wichtiger, als meine Gesundheit und jede Person, die mir im Krankenhaus begegnet, ist so nett und tut alles, damit es mir besser geht. Aber ich weine auch jeden Tag bitterlich, weil es so unfair ist.

Ich werde fast so schnell wieder gesund, wie ich krank werde und drei Tage nach der Verlegung auf die Intensivstation kann ich wieder nach Hause, gesund, aber blass wie ein Gespenst und ohne ein Fünkchen Kraft in meinem Körper. Also verbringen wir den restlichen Urlaub daheim und wenig anders als die letzten zwei Jahre.

Und ganz ehrlich: Ich bin sowas von genervt. Nein, ich bin nicht undankbar. Ich weiß, dass mein Körper alles gegeben hat, um das zu überstehen. Ich, weiß wurde medizinisch top versorgt (mein armer Prof wurde sogar zu Hause kontaktiert, er ist der Beste). Ich weiß, mein Mann liebt mich über alles, denn er pflegt mich sogar schon jetzt, wenn es sein muss. Ich weiß, wie wichtig es ist, meiner Gesundheit den Vorrang vor allem anderen zu geben, ich tue es bereits mein ganzes Leben lang.

Das macht es nicht besser, im Gegenteil. Gerade das macht es so unfair und mich so bitter. Gleichzeitig wird Instagram mit den Fotos von Menschen im wohlverdienten Urlaub überflutet und ich kann mich nicht für sie freuen. Ich kann nicht mal ein befriedigendes Ende für diesen Beitrag schreiben. Denn es gibt kein Happy End, keine spontane Wendung, in der alles super wird. Die Wahrheit ist, dass ich morgen Früh aufstehen und mich auf den Weg zur Arbeit machen werde, weil einfach weiterzumachen die Essenz eines Lebens mit chronischer Erkrankung ist. Egal, wie überraschend ich umgehauen werde, ich stehe wieder auf und mache einfach weiter.

Was sollte ich auch sonst tun?


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