Intermezzo

Aus der Kategorie: „Geschrieben, aber irgendwie nie veröffentlicht“

 

Neulich war ich Samstagnacht spontan mal wieder in der Notaufnahme. War super.

Christian und ich sind nach Brandenburg gefahren. Da steht ein winzig kleines Häuschen, wo wir immer hin fahren, wenn der Alltag mal wieder zu stressig wird. Es liegt mitten im Wald, neben einem großen Feld, am Rand eines Dorfes, in dem so gut wie gar nichts los ist. Ich liebe es da, es ist wunderschön. Ruhig. Deswegen war ich besonders froh, dass sich für uns beide ein letztes freies Wochenende ergeben hat, bevor ich nach Frankreich gehe (Edit: gegangen bin muss man jetzt wohl sagen).

Wir haben am Samstag ausgeschlafen und sind für einen Ausflug nach Potsdam gefahren. Es war zwar ein wenig windig, aber davon abgesehen perfektes Wetter, um sich eine Stadt anzusehen. Und das haben wir auch getan. Wir sind umher gelaufen, haben uns den Markt und Schloss Sanssouci angeschaut und schließlich im holländischen Viertel gegessen. Herzhafte Pfannkuchen. Danach waren wir beide für den Rest des Tages so satt, dass wir abends nur noch ein paar Chips und Kekse gefuttert haben. Ach ja, gesunde Ernährung.

Um halb vier morgens hat sich das ganze dann gerächt. Ich verbrachte fast eine Stunde im Bad, bis ich mich schließlich übergeben habe und Christian mich wegen anhaltender Bauchschmerzen in die nächstgelegene Klinik fuhr. So will man sein freies Wochenende verbringen. Die Dame an der Anmeldung fragte zunächst, ob ich vielleicht eine Alkoholvergiftung hätte. Ich war total perplex. Aber klar: zwei junge Leute, in einer Samstagnacht und eine Geschichte von Erbrechen. Ist nicht die abwegigste Idee.

Ich wurde also aufgenommen und untersucht. Während ich versuchte ruhig zu atmen und mich möglichst nicht zu bewegen, höre ich die Ärztin sagen: „Sie haben da eine sehr große Narbe auf dem Bauch?“

In einer anderen Situation hätte ich wohl mit einem ungläubigen Ausruf á la: „Ist nicht ihr Ernst? Das wusste ich gar nicht, lassen Sie mich mal sehen!“ geantwortet, aber nun gut. Ich erzählte ihr, dass ich lebertransplantiert sei, es mir aber sonst sehr gut ginge. Als sie wieder kam, um nach dem Datum der OP zu fragen und ich zwei Daten nannte, schien sie fast vom Glauben abzufallen. In diesem kleinen Krankenhaus war ich vielleicht tatsächlich die erste retransplantierte Patientin. Who knows. Als sie mich mit noch mehr Fragen zu meinen Medikamenten löcherte, drückten wir ihr Christians Kalender in die Hand.

Achtung an alle, die selbst transplantiert sind oder angehörig: Christians Kalender war in dieser Situation Gold wert. Auf die letzte Seite hatte ich eines Tages in einem Anflug von Weisheit die Daten meiner Transplantationen, meine Medikamente samt Dosierung und Einnahmezeiten, sowie andere wichtige Dinge, wie Transplantationsklinik, Ansprechpartner etc., aufgeschrieben, für genau so einen Fall. Ich war nicht in der Lage alles zu erklären und Christian war mit der Situation einfach etwas überfordert. Kann ich nachvollziehen. Würde mir genauso gehen.

So gegen 5 Uhr morgens liefen schließlich Medikamente gegen Schmerzen und Übelkeit in meine Vene und machten mich unglaublich schläfrig. Nur unwirklich nahm ich wahr, dass die Ärztin was von „zur Sicherheit dableiben erzählte, obwohl die Leberwerte normal seien“ erzählte. Ich konnte gar nicht richtig reagieren. Ich döste ein wenig weg, während Christian nicht von meiner Seite wich.

Als es wieder klarer um mich herum wurde, musste ich plötzlich etwas unterschrieben und bekam ein Plastikband um das Handgelenk. Meine Kehle schnürte sich zu. Oh nein. Oh nein, nein, nein. Ich wurde auf die Station gebracht und eine Schwester erklärte mir, dass ich für den Rest des Tages nichts zu essen bekommen würde und am Montag ein Ultraschall gemacht werden sollte. Ich konnte nicht anders, mir stiegen die Tränen in die Augen. Ich weigerte mich und erklärte ihr, dass es mir schon deutlich besser ginge. Was stimmte, die Übelkeit und Schmerzen waren verschwunden, anstelle dessen spürte ich nun wachsenden Hunger. Die Schwester meinte zu mir, dass es ja wohl nicht das Schlimmste sein würde, mal eine Nacht im Krankenhaus zu verbringen. Hatte die eine Ahnung! Etwas patzig erwiderte ich „Doch“ und wartete darauf hin auf die Visite, um mit der Ärztin über eine Entlassung gegen ärztlichen Rat zu sprechen.

Das liest sich jetzt sehr unvernünftig, aber es gab viel, das dafür sprach:

a) Es ging mir wirklich besser. Ich trank einige Tassen Tee und der Hunger wurde immer stärker. Ich war müde, aber das war keine Überraschung und auch nichts lebensbedrohliches.

b) Es war Sonntag. An einem Sonntag passiert in einem Krankenhaus sowieso nichts.

c) Ich war irgendwo im Nirgendwo. All meine Sachen waren in Leipzig. Ich hatte zwar genug Medikamente dabei (immer mit Reserve unterwegs für alle Fälle), aber Christian musste wegen der Arbeit so oder so nach Leipzig, im schlimmsten Fall ohne mich. Das hieße, ich wäre auch noch alleine. Davon abgesehen müsste er mich dann Montag irgendwie nach der Arbeit noch abholen. In Leipzig waren all meine Ärzte, die mich kannten und eine mit Transplantationen erfahrene Universitätsklinik. Ich könnte genauso gut am Montagmorgen zu meinem Hausarzt und im Fall der Fälle dort ins Krankenhaus.

Oh und d) Es ging mir wirklich besser! Wäre ich nicht transplantiert gewesen, hätte man mich gar nicht dabehalten. Das ist irgendwie verständlich und gleichzeitig irgendwie unfair. Klar, niemand will verantwortlich sein, falls mir etwas passiert, aber wäre ich ganz „normal“ gewesen, hätte man mich vermutlich gar nicht da behalten wollen. Und schon gar nicht nur für einen Ultraschall. Kostet ja alles Geld, Übernachtung im Krankenhaus und Untersuchung und so.

Zum Glück war die Ärztin, die mittags schließlich zur Visite kam, sehr verständnisvoll. Ich musste ihr zwar hoch und heilig versprechen, dass ich am Montag auch wirklich, wirklich (wirklich jetzt) zum Arzt gehen würde und mich den Rest des Tages ausruhen sollte, aber ich durfte, nachdem ich etwas gegessen hatte, mit Christian nach Hause fahren.

Ich hab mich dann auch gleich ganz artig mit Netflix ins Bett gelegt. Christian hat mir eine Suppe gemacht und Montagmorgen war ich beim Arzt. Und es war: Nichts! Vielleicht nur das ungesunde Essen, vielleicht ist mein Magen empfindlich und Christians nicht. Man weiß es nicht.

Aber es hat mir wieder einmal bewiesen, dass ich meistens richtig liege, wenn ich auf meinen Körper höre. Schade, dass ich ihn nicht für andere auf Lautsprecher stellen kann.