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„‚Warum willst du ausgerechnet nach Nepal?‘

‚Naja – eines Tages werde ich alt und dick sein, einen eifersüchtigen Ehemann und Kinder haben, die mir nicht erlauben werden, etwas für mich zu tun. Außerdem einen Bürojob, bei dem ich jeden Tag das Gleiche machen muss. Und ich werde mich an die Routine, an die Bequemlichkeit, an den Ort gewöhnen, an dem ich lebe. Nach Rotterdam kann ich immer noch zurückkehren und auch die Segnungen der Arbeitslosenversicherung genießen, die unsere Politiker uns zugestehen. Auch Vorsitzende von Shell oder Philips oder der United Fruit kann ich noch werden, weil ich Niederländerin bin und diese Firmen nur Niederländer in höhere Positionen befördern. Aber nach Nepal reisen kann ich nur jetzt oder nie mehr – ich fange ja jetzt schon an, alt zu werden.‘

‚Mit dreiundzwanzig?‘

‚Die Zeit vergeht wie im Flug, Wilma. Und ich rate dir, ebenfalls auf Reisen zu gehen. Riskiere jetzt etwas, solange du gesund bist und den Mut dazu hast. Du findest Amsterdam doch auch eine total langweilige Stadt. Aber wir finden das, weil wir uns an sie gewöhnt haben. Heute, als ich den Brasilianer mit seinen leuchtenden Augen gesehen habe, wurde mir klar, dass ich selber diese Langweilern bin. Ich habe mich so an unsere Freiheit gewöhnt, dass ich gar nicht wahrnehme, wie kostbar sie ist.‘

Sie schaute zur Seite und sah Paulo, der die Augen geschlossen hatte und dem Rhythm-&-Blues-Song Stand by me lauschte.

Sie fuhr fort:

‚Also muss ich die Freiheit wiederentdecken – nur das. Mir bewusst machen, dass es, obwohl ich eines Tages wiederkommen werde, noch viele Dinge gibt, die ich noch nicht gesehen und erlebt habe. Wohin wird mich mein Herz tragen, wenn ich viele Wege noch gar nicht kenne, die ich gehen könnte? Welches wird mein nächstes Ziel sein, wenn ich nicht, wie ich sollte, nach Nepal gehe? Welche Berge werde ich am Ende erklimme, auch wenn ich jetzt noch kein Seil sehe, an dem ich mich hochziehen und festhalten kann? Deswegen bin ich vin Rotterdam nach Amsterdam gekommen und habe den einen oder anderen Mann zu überreden versucht, mit mir zu unbekannten Zielen aufzubrechen. Aber alle haben abgelehnt, alle hatten Angst, entweder vor mir oder vor dem Unbekannten. Heute Vormittag bin ich nun diesem Brasilianer begegnet. Ihm war egal, wie ich das fand, als er sich den Hare-Krishna-Leuten auf der Straße anschloss, um mit ihnen zu singen und zu tanzen. Ich hätte es am liebsten auch gemacht, aber mein Wunsch, mich als starke Frau zu geben, hat mich davon abgehalten. Jetzt werde ich nicht mehr zweifeln.'“

Paulo Coelho (2018): Hippie