Die Liebe in Zeiten von Corona

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, nichts über dieses verdammten Virus zu schreiben, denn oh mein Gott, ich kann es nicht mehr hören.

Aber was anderes ist halt auch grad nicht los. So ist das mit guten Vorsätzen, sie haben alle ein Verfallsdatum.

Ich bin ja in der Risikogruppe. Eigentlich sogar doppelt, da ich sowohl eine Leber“erkrankung“ habe und dazu auch noch immunsupprimiert bin. Trotzdem habe ich solange wir möglich versucht, mich nicht verrückt machen zu lassen. Von super anstrengenden Leuten am Nebentisch, die beim Frühstück kein anderes Thema haben. (Damals, als man noch auswärts frühstücken konnte.) Dankeschön auch. Trotzdem habe ich angefragt, ob ich erstmal ins Homeoffice gehen kann, weil ich sonst 6h Zug pro Woche fahren müsste. Und weil meine Arbeitsstelle total cool ist, haben sie auch ja gesagt. Geplant war allerdings erstmal nur zwei Wochen, aber das kam dann doch ein bisschen anders.

In diesen zwei Wochen bin ich auch noch raus gegangen und habe Freunde besucht. Immer mehr oder weniger einzeln, weil ich das entspannter finde und man sich so auch wirklich mal unterhalten kann. Ist bei einem schlechten Immunsystem sowieso gut und mein persönlicher Pegel für Soziale Kontakte auch überraschend schnell erreicht.

Nun war es aber so, dass eine gute Freundin Geburtstag hatte und wir alle mit ihr als Überraschung für ein Wochenende nach Prag fahren wollten. Und einen Tag vorher dann die Nachricht: Tschechien hat die Grenzen geschlossen. Juhu…

Nein, natürlich war es die richtige Entscheidung, nur leider mussten wir sie also abholen und erklären: „Ja, also, wir hatten da was richtig cooles geplant, was dir auch voll gut gefallen hätte, aber naja… wir machen jetzt nichts davon.“ War jetzt auch nicht so Bombe. Weil sie aber eine sehr entspannte Person ist und zwar enttäuscht, aber trotzdem dankbar war, haben wir uns dann abends in ein tschechisches Restaurant gesetzt und sehr viel Spaß gehabt.

Die Situation war trotzdem ein wenig beklemmend, da die Bedrohung durch den Virus immer näher kam. Länder, die die Grenzen schließen, Veranstaltungen, die abgesagt wurden… fühlte sich alles an, wie der Beginn eines Filmes, auf den ich keine Lust hatte. Ich wusch mir an dem Abend bestimmt 10 Mal die Hände und bekam verschiedenste Anrufe, wie es mir geht und was ich jetzt mache und wie das alles weitergehen sollte.

Also freundete ich mich nachts mit der Idee an, in der nächsten Zeit erstmal zu Hause zu bleiben. Morgens war ich noch einmal bei meinen Freunden frühstücken, um die kommende Isolation „ordentlich“ zu feiern und die Sonne zu genießen.

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Die Isolation wurde auch eher zur Quarantäne, denn Christian, mein Partner, arbeitet im Krankenhaus. Und da er nicht wissen kann, mit wem er Kontakt hat und ob er das Virus nicht nach Hause trägt, haben wir schweren Herzens den Entschluss gefasst, dass er erstmal auf unbestimmt Zeit auszieht. An diesem Tag waren wir genau zweieinhalb Jahre zusammen. Das war kein schönes Gefühl.

Wir skypen wieder jeden Abend, wie während meiner Zeit in Frankreich. Nur dass wir uns das hier nicht ausgesucht haben. Er geht für mich einkaufen und stellt alles vor der Tür ab, wir fassen uns nicht mehr an, es ist ein wenig so wie bei Pushing Daisies.

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Eine Liebe, die so stark ist, dass sie selbst dann anhält, wenn man sich nicht berühren darf. Romantisch, nicht wahr? Aber im echten Leben eigentlich nur eins und zwar schmerzhaft.

Ziemlich schnell wurde mir klar, dass diese Erfahrung nicht spurlos an mir vorbei gehen wird. Denn ich habe schon seit meiner Kindheit mit Depressionen zu kämpfen und die Regel Nummer eins lautet sich nicht von allen abzuschotten.
Blöd nur, wenn es überlebensnotwendig ist.

Und so blieb mir eigentlich nur eins: Ablenkung. Dafür habe ich das Hogwartsschloss von Lego gekauft, mir die Sims 4 plus mehrere Erweiterungen installiert und gehäkelt, bis mir die Hände wehtaten. Das alles rund um die Arbeit verteilt.

Aber es gibt einen Punkt, an dem Einsamkeit krank macht. Irgendwann hatte ich nicht mehr die Energie, um das Bett zu verlassen, geschweige denn zu duschen oder zu essen. Wieso denn auch, es macht ja doch keinen Unterschied. Dieser Gedanke spukte in meinem Kopf umher, wie ein trauriges neues Mantra. Auch die unzähligen trostspendenden Worte von Christian haben nicht geholfen, denn was ich brauchte, war nur eins: ich wollte mein Leben zurück. Aber das war das einzige, was ich nicht haben konnte. Es dauerte lange, bis ich meine Gefühle in Worte fassen konnte und Christian nach zwei Tagen, an denen ich den Kontakt zu ihm abgebrochen hatte, in einer langen Nachricht zu erzählen, was in mir vorging.

Am nächsten Tag habe ich mich schon ein bisschen besser gefühlt. Reden hilft. Immer. Ich habe dann auch ein sehr langes Gespräch mit meiner Mutter geführt, weil auch sie sich große Sorgen um mich gemacht hat und nicht wusste, wie sie mir aus der Ferne helfen sollte.

Aber dann hat es geklingelt und Christian war da. Er hat mich eingeladen, den Tag mit ihm zu verbringen und mir dadurch die Chance gegeben, abzulehnen, wenn ich es nicht gewollt hätte. Aber natürlich habe ich ja gesagt und wir sind zu ihm nach Hause gefahren.

Dort konnte ich mich in die Badewanne legen und einfach mal loslassen. All die Ängste, welche mir bereits wochenlang die Brust zugeschnürt hatten konnte ich wenigstens so weit wegschieben, dass ich für eine Zeit lang wieder frei atmen konnte.

Und obwohl wir weiterhin möglichst Abstand hielten, tat es unendlich gut wieder in Christians Nähe zu sein. Wir haben viel über die jetzige Situation geredet und wie es jetzt weiter gehen soll. Dabei hat er einen Satz gesagt, der mir immer noch oft in den Kopf kommt:

„Dass du dich mit dem Virus infizierst, ist ein Risiko. Wenn ich dich alleine lasse, wirst du auf jeden Fall krank.“

Damit hat er den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich war bereits krank. Die Depressionen hatten mir die Fähigkeit zu einem normalen Leben bereits genommen. In diesen Zustand bin ich aufgrund der Angst vor einer Ansteckung mit einer Krankheit gekommen. Es ist paradox sich das vor Augen zu führen. Es hatte nur zwei Wochen gedauert, aber bis die Begünstigung von psychischen Erkrankungen durch Social Distancing in der Öffentlichkeit thematisiert wurde, dauerte es noch einige Wochen. Denn ein Videotelefonat zu führen oder wirklich in Gegenwart eines anderen Menschen zu sein sind zwei völlig verschiedene Sachen.

Also haben wir uns wieder regelmäßig gesehen, wenn auch mit Abstand. Wir sind Fahrrad gefahren oder spazieren gegangen, einmal gab es auch Eis; alles so, dass das Risiko der Ansteckung so gering wie möglich gehalten wurde. Aber es hat geholfen. Ich hatte wieder Gründe, das Haus zu verlassen und mich weniger allein gefühlt.

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Und durch Glück im Unglück hat Christian schließlich auf der Notfallambulanz gearbeitet, direkt vor unserem Urlaub, welcher eigentlich in Venedig gewesen wäre. Dass das nichts wird war uns eigentlich schon im Februar klar.
In der Ambulanz war er dafür zuständig, dass alle Patienten nach Symptomen gefragt werden, dass Fieber gemessen wird und gegebenenfalls ein Abstrich gemacht wird. (Da es in meinem Freundeskreis bei diesem Satz zu Verwirrung kam, ein Abstrich im MUND und in der NASE, da wo das Virus sitzen würde.)
Deswegen hat er am Ende der Woche selbst auch so einen Abstrich bekommen und wir wussten damit, dass er kein Corona hat und es sicher ist, wenn wir uns berühren. Wir konnten deswegen die letzten zwei Wochen zusammen verbringen.

Statt einen Urlaub in Venedig gab es einen Urlaub in Brandenburg, wo wir in einem kleinen Häuschen ohne Internet und Handyempfang gewohnt haben. Für mich war das die reinste Wohltat und ich glaube, für mich war es noch sehr viel schöner als es Italien unter normalen Umständen gewesen wäre. Gut, ich trauere ein wenig um das authentisch italienische Essen, was mir so durch die Lappen gegangen ist, aber ich wusste die neue Umgebung so sehr zu schätzen und war bis zum Ende hin immer wieder überwältig davon, wieder menschliche Nähe erleben zu können.

Wir haben einige Unternehmungen gemacht, wie z.B. Inliner fahren, sind aber auch viel im Wald spaziert, haben gegärtnert oder einfach die Ruhe genossen.

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Kurz vor Ende des Urlaubs wurde leider das Feld nebenan gedüngt und wir sind vor dem Geruch geflohen.

Christian hatte noch eine zweite Woche Urlaub, die er hier bei mir verbracht hat und ist danach wieder zu mir gezogen. Wir sind ein wenig unschlüssig, wie es jetzt weiter gehen soll, denn die Maßnahmen werden gelockert und niemand kann vorhersagen, wie es jetzt weitergeht. Auf der anderen Seite ist die Rückkehr zur völligen Isolation auf jeden Fall keine Option. Was für mich feststeht ist: Ich werde mich noch sehr lange Zeit fast ausschließlich in meiner Wohnung aufhalten und nur Christian sehen.

Es kann schwierig sein, wenn man nur eine einzige Kontaktperson hat und ich vermisse meine Freunde und Familie wirklich sehr, aber mit diesem Kompromiss kann ich diese merkwürdige Zeit wenigstens irgendwie überstehen. Ich habe einen tollen Partner an meiner Seite und tolle Freunde mit nur physischen Abstand. 

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PS: Weil mein Leben im Moment ausschließlich daraus besteht am Computer zu sitzen und Texte zu schreiben, fehlt mir gerade ein bisschen die Energie dafür, hier regelmäßig Content hochzuladen. Ich hoffe, ihr versteht das. Es kommen auch wieder aktivieren Zeiten.