Wir müssen reden

Es wurde jetzt entschieden, Geimpfte wie Negativgetestete zu behandeln und das Geschrei ist groß: Wie kann denn das sein, dass jetzt hier Privilegien vergeben werden, wo doch noch gar nicht alle ein Angebot bekommen haben! Dann haben wir ja eine Zwei-Klasse-Gesellschaft und überhaupt: Wir Jungen waren es doch, die die Alten geschützt haben, wieso kriegen wir jetzt nicht unser Leben endlich mal zurück?

Ich habe dazu so viel zu sagen. Wo soll ich da nur anfangen?

Ja. Es ist schlimm, dass es nicht genug Impfstoff gibt und ich wünsche mir, dass das so bald wie möglich anders ist. Ich verstehe, dass die Nerven bei uns allen blank liegen. Aber tut mir bitte den Gefallen und versucht mal, euch in folgende Situation reinzuversetzen:

Ich bin 24. Ich glaube, das zählt noch als jung, oder?

Als die Pandemie begann, habe ich mich von jeder einzelnen Person in meinem Leben distanzieren müssen. Mein Partner ist ausgezogen, ich hatte zu viel Angst um das Haus zu verlassen. Niemand wusste, wie gefährlich das Virus für mich sein würde und ich legte es nicht darauf an, es heraus zu finden.

Ich verbrachte Wochen in meiner Wohnung, ohne eine andere Menschenseele zu sehen. Christian hat mir die Einkäufe vor die Tür gestellt und langsam aber sicher wurde ich depressiv. Mit jedem Tag wurde es schwieriger, das Bett zu verlassen. Mir fehlte der Grund dazu.

Ich habe mich nicht mehr getraut, mich online über die Entwicklung der Pandemie zu informieren, denn in den Kommentaren wurde geschrieben, dass es nicht sein kann, dass sich jetzt alle einschränken müssen. Das sei jetzt eben natürliche Auslese. Auf die paar Alten kommt es doch nicht an, die leisten keinen Beitrag mehr zum Bruttosozialprodukt. Und Vorerkrankte? Naja, Pech gehabt, immerhin geben sie dann ihre Krankheiten nicht an die nächste Generation weiter.

Das habe ich fast wortwörtlich in den sozialen Medien lesen müssen und zwar immer und immer wieder. Natürlich wurde mir in meinem Umfeld Unterstützung angeboten, aber wie kann Unterstützung aussehen, wenn man an der Situation nichts ändern kann?

Und schließlich, ja länger die Pandemie andauerte, desto mehr verrutschte der Fokus auf die eigenen Sorgen. Verständlicher Weise, muss man sagen, aber die besonders gefährdete Personen wurden gerieten dadurch immer mehr in Vergessenheit.

Sie müssen sich halt gedulden. Alte Leute gehen doch sonst auch nicht so viel raus, die müssen ja eh nicht arbeiten, die kriegen das schon hin.

Tja, nur sind eben nicht nur alte Leute besonders gefährdet. Nicht nur alte Leute dürfen jetzt geimpft werden. Es wurden die Menschen geimpft, die eure Angehörigen pflegen. Die Menschen, die im Krankenhaus Tag für Tag um Menschenleben kämpfen und die Menschen, die seit einem Jahr jeden Tag Angst um ihr Leben haben mussten. Die, die all ihre Selbstständigkeit abgeben mussten.

Glaubt mir, ich habe mir meine Jugend auch anders vorgestellt. Ich habe schon genug um mein Leben kämpfen müssen, sehr lange und sehr hart und das habe ich nicht gemacht, um es jetzt so zu verbringen. Ja, auch meine Kräfte sind am Ende.

Jetzt darf ich also endlich geimpft werden. Endlich.

Aber dadurch kann ich mich nicht in Menschenmengen stürzen. Wie auch, gibt ja keine. Nein, ich kann endlich wieder in einen Lebensmittelladen gehen – immer noch mit Maske und Abstand – ohne, dass ich Angst um mein Leben haben muss. Ich kann vielleicht wieder zur dringend nötigen Physiotherapie oder endlich zur Kur fahren, und nach über einem Jahr meine beste Freundin (wenn sie negativ getestet ist) in den Arm nehmen. Ich könnte wieder etwas selbstbestimmter leben. Und das ohne das Restrisiko mich selbst oder jemanden den ich liebe, anzustecken, weil das Testergebnis bei jemandem falsch negativ war.

Ich bin dankbar für alle, die zu Hause bleiben können. Und es tut mir leid, dass nicht alle sofort geimpft werden können. Aber ist es wirklich zu viel verlangt, mir das bisschen wiedererlangte Selbstständigkeit zu gönnen?

Anmerkung

Am 5.5. ist der Europäische Protesttag für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Transplantierte gelten aufgrund des Abstoßungsrisikos und der lebenslang nötigen Therapie mit immunsystemunterdrückenden Medikamenten als dauerhaft körperlich behindert. Ich selbst habe eine unbefristete Bescheinigung über meine Schwerbehinderung von 100 GdB (Grad der Behinderung). Nicht jede Krankheit und oder Behinderung ist sichtbar, das heißt nicht, dass sie nicht relevant sind.