Ganz ehrlich: Nö

Ich hatte diesen Urlaub sowas von nötig. Nach insgesamt 15 Monaten, in denen ich nicht mal zum Arbeiten das Haus verlassen habe, brauchte ich einfach mal eine andere Umgebung um mich herum.

Und keine Arbeit.

Wir haben die Tage heruntergezählt, in der Woche vorher jeden Tag extra noch etwas unternommen, damit ja die Zeit so schnell wie möglich vergeht. Und dann ging es endlich los, den ganzen Weg über die A7 bis nach Österreich. Auf dem Weg einhundert Baustellen, jeweils genau 2km auseinander.

Doch weil Christian und ich uns irgendwie wirklich gern haben, haben wir es sogar ganz gut überstanden, als wir für die letzten 100km drei Stunden gebraucht haben. Nur auf „Wer bin ich?“-Spielen hatte er irgendwann keine Lust mehr, nachdem er ewig nicht darauf gekommen ist, dass er Arielle die Meerjungfrau war. Verstehe ich gar nicht.

Mein Plan nach der Ankunft war ganz einfach: Erstmal nach dem Weg zum Wellness zu fragen. Doch da wir dort auf der Stelle von fünf Familienmitgliedern empfangen wurden, kaum dass ich auch nur einen Fuß aus dem Auto gesetzt haben erschwerte dieses Vorhaben ungemein.

So höflich wie möglich entzog ich mich der Situation aber relativ schnell, was vielleicht auch daran lag, dass ich ganz dringend eine Dusche gebrauchen konnte.

Als ich mich wieder halbwegs menschlich fühlte war ich bereit für alles, was auf uns zukommen würde.

Und es kam eine Menge auf mich zu: Mehrere „Spaziergänge“ durchs Dorf, die Aussicht auf eine Sommerrodelbahn, bei der meine Höhenangst erleichtert seufzte, als es wegen Regenströmen doch nicht dazu kam, eine Wanderung zu einem (sorry) wenig spektakulären Gipfelkreuz, eine Gletschertour, einen bezaubernden Wasserfall, ein 5-Gänge Menü und am wichtigsten: meine wohlverdiente Massage.

Vor dem Urlaub dachte ich, dass ich eine Woche Schlaf bräuchte, doch ich hatte mich geirrt: Ich brauchte einfach eine Woche lang mal etwas anderes als zehn Stunden Bildschirmzeit. Ich bin jetzt kein großer Wanderfan, aber ich bin überall mit, ohne, dass mein Körper gestreikt hätte. Ich stürzte auch nur einmal, allerdings so unglücklich, dass ich ab sofort abends nicht mehr nur Eis im (alkoholfreien) Cocktail serviert bekam. Stattdessen dafür ab diesem Moment auch eingewickelt im stylischen Handtuch für mein lädiertes Knie. Das liegt aber an meiner Unfähigkeit einen Fuß vor den anderen zu setzen, nicht an meiner Gesundheit.

Ich freute mich über die Landschaft, auch wenn die Sicht von Regen und Nebel eingeschränkt wurde.

Wir fütterten Wild (es war das Hoteleigene Wild und wir waren mit den Besitzern gemeinsam da, bitte kein freilaufendes Wild einfach so füttern, okay? Danke.) Christian und ich konnten außerdem beim Wandern Kühe und Ziegen streicheln, die uns außerdem ein bisschen abschleckten. 

Das einzige, was mich an dem Urlaub traurig machte war das, was danach kam. Ich sah die vielen Fotos, die Christian von mir gemacht hatte und dachte nur eines: Oh Gott, hab ich zugenommen!

Ist das nicht traurig? Es war das einzige, was ich auf diesen Bildern sah. Dabei ist es so viel wichtiger, was man nicht sieht. Dass die Kühe und Ziegen von sich aus zu mir gekommen sind, um sich streicheln zu lassen. Dass ich in dieser Woche selbst ungeschminkt keine Augenringe hatte. Dass ich über ein Jahr Lockdown überstanden habe. Dass ich erfolgreich gegen eine Depression kämpfe, dass ich trotz allem so weit gekommen bin.

Dabei ist das alles so viel wichtiger als ein paar Kilo mehr. Nicht, dass sie mich absolut nicht stören dürfen, ich könnte mich sogar ständig darüber aufregen, doch ganz ehrlich: Nö.