Karussell fahren

Na, schon genug von meinen Urlaubserzählungen? Mh, dann ist das hier wohl der falsche Beitrag für dich, aber immerhin war es der letzte Urlaub in diesem Jahr.

Auch wenn nur drei Wochen dazwischen lagen, hatte ich schon wieder dieses altbekannte Gefühl von: Oh Gott, ich brauche unbedingt Urlaub. Im Moment hab ich nach der „eigentlichen“ Arbeit noch so viel zu tun (Shoperöffnung ist am Donnerstag, yay!), dass meine Tage nicht selten 8-9h Bildschirmzeit beinhalten. Und da ist mein iPad auf dem YouTube läuft schon nicht mit rein gerechnet.

Ähm, ich meine, natürlich arbeite ich im Nebenerwerb nur in der rechtlichen Vorgabe. Der Rest ist… tja, tatsächlich alles unbezahlt und für andere Projekte. Zum Spaß sozusagen.

Anyways.. Ich brauchte also schon wieder dringend Urlaub und da wir im April 2020 nach Venedig wollten und das wegen Corona natürlich nicht konnten, haben wir es jetzt nachgeholt. Ich bin mir nicht so sicher, mit welchen Erwartungen ich an den Urlaub heran gegangen war. Ich schätze mal „Ja, Städteurlaub, tausend Kilometer am Tag, klingt ziemlich anstrengend.“ Aber, nach dem glorreichen Sturz beim Wandern im letzten Urlaub (habe ich schon mal erwähnt, dass geradeaus zu laufen nicht zu meinen Stärken zählt?) hatte ich nun auch noch ein kaputtes Knie. Und da Venedig nunmal Venedig ist, gibt es auch noch eintausend Stufen, die ich jeden Tag bewältigen musste. Ausgestattet mit einer todschicken neuen Kniebandage bin ich dann also los, wortwörtlich eine Stufe nach der anderen.

Und was soll ich sagen: Venedig ist eine Stadt, die sehr romantisiert wird, ähnlich wie New York und wenn man dann selbst da ist, ist man schnell mal ernüchtert, denn auch hier gibt es hässliche Häuser, Dreck und unangenehme Gerüche. Noch dazu ist, wenn man mal ehrlich ist, das Leben in Venedig überaus umständlich.

Doch nach den ersten Tagen, so kam es mir vor, hat sich mein Blick langsam nach oben gerichtet und ich erkannte, wie die alten Häuser die Geschichten ihrer Bewohner erzählten und zumindest bei schönem Wetter ist ein wunderbares Gefühl, sich auf dem Vaporetto, dem Bus-Boot, den Wind um die Maske wehen zu lassen.

Doch am schönsten finde ich es durch die Gegend zu ziehen und einfach die kleinen Sachen zu entdecken, an denen die meisten einfach vorbeirennen, weil sie ihnen nicht auffallen.

Andererseits wirkt die Stadt aber auch so, als wäre sie kein Ort zum Leben sondern nur dazu da, um Touristen ihre Schönheiten zu zeigen, sie durch die Sehenswürdigkeiten zu führen und die Stadt als exotische Erfahrung wahrzunehmen. Ein befremdliches Gefühl und doch war es auf seltsame Weise genau das, was ich brauchte.

Ich hab mich so losgelöst vom Alltag gefühlt, wie schon lange nicht mehr und habe dadurch erst gemerkt, wie gut es mir getan hat. An jeder Ecke gab es etwas, dass einen kreativen Funken in mir ausgelöst hat und ich bin jeden Abend eingeschlafen, gleichzeitig zu Tode erschöpft und zum Rennen inspiriert. Ich hatte mehr Ideen als in allen anderen Monaten diesen Jahres zuvor und endlich wieder das Bedürfnis, etwas zu tun. Neue Dinge zu erschaffen, neue Erfahrungen zu machen und meine Komfortzone zu verlassen.

Ich war mir zwar immer bewusst, dass ich mich durch das Homeoffice wie auf einem Karussell drehe, immer zu Hause, immer am Schreibtisch, nach der Arbeit ist vor der Arbeit und es hat Vorteile, die ich noch immer als solche sehe. Doch kurz abzusteigen, kann einen zwar schwindlig werden lassen und wenn sich der Schwindel erstmal wieder gelegt hat, sieht man, dass neben dem Karussell die Berg- und Talbahn steht. Und die macht auch Spaß.