13 Going 30

„Ich bin so unfassbar müde.“

Das ist über Monate meine Antwort auf die Fragen wie es mir geht, der Beginn jeder Therapiestunde und die Einleitung jedes Praxisbesuchs. 

Und die Antworten dazu:

„Du brauchst mal eine Pause.“

„Sie sind nun mal lebertransplantiert.“

„Sie haben eben eine Anämie.“

Alles Richtig. Alles Falsch. 

Denn egal wie lang ich mich ausruhe, nie bin ich ausgeruht, es ist, als wäre mein innerer Akku kaputt. Wie ein Handy, das nach zwei Jahren durch ein neues ersetzt werden will. 

Und wenn es nun doch die Leber ist? Wenn sie nach 13 Jahren einfach nicht mehr gut funktioniert? Ich habe Angst vor dem Kontrolltermin im Dezember und doch wäre eine klare Aussage besser als die unbestimmte Angst.

Tatsächlich sieht man meiner Leber die Jahre der Transplantation an, sie ist nicht ebenmäßig schön, sondern hat schon einiges mit mir durch gemacht. Es gibt einen Termin für eine Biopsie nur wenige Wochen später, Unmengen an Blut werden abgenommen und in meinem Kopf laufen schon die Worst-Case-Szenarien ab. 

Doch kaum, dass der Biopsie-Termin bevor steht, wird alles wieder abgesagt. Die Leberwerte sind nicht perfekt, aber auch nicht verschlechtert. 

Na immerhin. 

Also mache ich weiter wie bisher, versuche neben der Arbeit nur noch auszuruhen, um genug Kraft für die Arbeit zu haben. 

Doch die Müdigkeit bleibt. 

Als ich auch zum Arbeiten zu müde werde, bespreche ich mit der Transplantationsklinik doch eine Biopsie zu machen. Irgendwas muss doch los sein, oder?

Doch auch die Probe sieht besser aus als erwartet und es wird weiter gesucht.

Ich soll jetzt wöchentlich Eiseninfusionen bekommen, beim Facharzt bekomme ich plötzlich eine ganz neue Verdachtsdiagnose. Zwischen den Wartezimmern versuche ich Krisen auf der Arbeit zu lösen. Wenigstens habe ich zwischendurch Therapie, um die neuen Veränderungen zu besprechen. Dafür bleibe ich danach bis Mitternacht am Computer, lade mir die gesamte Woche mit neuen kurzfristigen To-Dos und Terminen zu. Was für ein Irrsinn das ist, wird mir erst am nächsten Morgen klar, als ich es nicht aus dem Bett schaffe. Ob vor Erschöpfung oder Überforderung weiß ich nicht. Fest steht nur, so kann es nicht weiter gehen.

Ich will so gut es geht dennoch weiterhin mein Team unterstützen, hasse es, schon wieder „Die Kranke“ zu sein, selbst wenn es nur meine eigene Enttäuschung ist. 

Doch bereits wenige Tage später muss ich mit beiden Händen los lassen, weil nichts mehr geht. Jeder Weg scheint unmöglich, jedes bisschen Kraft muss ich mit mir selbst aushandeln und schließlich schlafe ich über 48 h, ohne kaum je aufzuwachen und kann selbst dann meine Augen, die inzwischen gelb werden, nur mit Mühe aufhalten. 

Es ist Zeit, wegen Müdigkeit ins Krankenhaus zu gehen, ich brauche nur das „Go“ meines Hausarztes. Zwei Stunden und einen Anruf im Transplantzentrum später sitze ich für 9 Stunden im Auto, komme kurz vor Mitternacht in der Notaufnahme in Kiel an, eine Cola intus, um irgendwie wach zu bleiben, zum Glück konnte mich meine Mutter fahren. 

Es ist mein Hochzeitstag.

Wieder werden mir Unmengen von Blut abgenommen und ein Ultraschall gemacht, ich wurde erwartet. Die Leber sieht unverändert aus, es wird wohl noch eine Biopsie vom Knochenmark geben, wegen der Anämie, aber jetzt ist ja erstmal ein Feiertagswochenende. 

Circa eine Stunde später habe ich mich auf meinem Stationszimmer eingerichtet, den Schlafanzug angezogen und versuche den Tag sacken zu lassen, als eine junge Ärztin das Zimmer betritt. 

Ob jemand mal mit mir über meinen Blutzucker gesprochen habe, sei da etwas aufgefallen?

Eigentlich nicht.

Der war jetzt mit über 700 mg/dl gemessen worden. 

(Ein Wert, bei der Menschen für gewöhnlich ins Koma fallen, wie ich später erfahren sollte.)

Man würde den Wert im Auge behalten und gegebenenfalls versuchen mit Insulin dagegen anzukommen

In dieser Nacht unterhalte ich mich viel mit einem netten Pfleger, der jede halbe Stunde Blut abnimmt (ein gewöhnliches Blutzuckermessgerät kann so hohe Werte nicht mehr messen) und dann anfängt, mir Insulin zu geben.

An diesem Wochenende passiert abgesehen von Blutzuckermessen und -senken auch nicht viel weiteres. Schließlich erfahre ich, dass in einigen Fällen die Medis, die das Immunsystem schwächen und damit meine Leber schützen, eine Insulinresistenz verursachen können. 

Und ich bin wieder diejenige, die laut „Hier“ schreien musste.

Christian ist inzwischen bei mir, sitzt an meinem Bett und hält meine Hand. Gemeinsam mit meiner lieben Zimmernachbarin, die viel Besuch von ihrer Familie bekommt, wird es zumindest nicht langweilig. 

Ich bekomme einen Insulinplan und neue Immunsupression. Doch mit einem Mal merke ich, dass meine Augen sich verschlechtern. Denke ich zuerst noch, dass ich zu viel am Handy bin, kann ich abends nichts mehr erkennen und bin am Folgetag so gut wie blind. 

Es dauert lange, bis ich die Erklärung bekomme, dass das drastische Senken des Blutzuckers die Ursache davon ist. Der Körper entzieht bei hohem Zucker sich selbst so viel Wasser, um den Zucker auszuscheiden, dass sich der Druck in den Augen verändert hat. Doch davon habe ich vorher nichts bemerkt, nicht übermäßig viel getrunken oder andere Symptome außer der Müdigkeit gehabt. 

Inzwischen habe ich das Krankenhaus gründlich satt, doch ist für Freitag jetzt noch eine weitere Leberbiopsie angesetzt. Ich traue mich kaum zu fragen, ob es einen anderen Termin gibt. 

Es ist mein 30. Geburtstag. 

Doch tatsächlich haben sie Mitleid mit mir, machen den Eingriff am Donnerstag und nach einem Ständchen meines Professors darf ich am Freitag sogar das Krankenhaus verlassen. Geburtstagblumen und -Karten in den Taschen, von all den lieben Menschen aus meinem Leben. 

Ich verbringe den Tag mit Schmerzen, neuen Medikamenten, Diagnosen und fast blind im Auto, doch neben mir der Mann, den ich liebe und unterwegs nach Hause. 

Die Wochen darauf verbringe ich mit Arzt- und Apothekenbesuchen und damit, langsam gesünder zu werden. Wir sagen (schon wieder) unsere Flitterwochen ab, besuchen eine ganz wundervolle Hochzeit, verbringen ein paar Tage im Grünen. 

Ich bin noch immer nicht wieder ganz gesund, fühle mich aber besser. Bin frustriert, versuche aber optimistisch zu sein. Mache langsam und bin doch ungeduldig. 

Das Leben geht irgendwie weiter und ich bin so gut es geht Teil davon. 

Mein Leben ist schön. 

Rebecca


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