Aus dem Krankenbett

Die Bettwäsche riecht immer gleich, immer. Liegt es daran, dass alle Krankenhäuser das selbe Waschpulver benutzen? Oder kann ich mich an die anderen Klinikbetten nicht mehr erinnern? Ich warte darauf, dass das Schlafmittel wirkt.

Meine Hände und Arme tun weh, es brauchte fünf Stiche, bis sie endlich all das Blut hatten, das sie brauchten.

Der alte Mann neben mir murmelt wie immer vor sich hin, macht seine Kabel ab, um ins Badezimmer zu schlurfen. Sein Monitor piept und piept und piept.

Als die Nachtschwester kommt ermahnt sie ihn, dass er das nicht machen soll, sondern stattdessen den Becher an seinem Bett für Urin verwenden. Ich weiß nicht genau, wie ich das finde.

Ich spüre die Wirkung des Schlafmittels, mein Kopfkissen bekommt eine Anziehungskraft, der ich unmöglich widerstehen kann. Mit schlappen Armen fummle ich mir Ohrstöpsel für mein Hörspiel ins Ohr, um den älteren Herren vielleicht nicht mehr zu hören.

Das funktioniert so Mittel, er stoppt immer wieder die Überwachung, um im Bad neben mir auf Toilette zu gehen. Er weiß nicht, wie er sie wieder starten kann und der Monitor hupt, bis eine Schwestern hereinkommt und es abstellt. Wieder fordert sie ihn auf der Aufforderung, im Bett zu bleiben.

Dieses Spiel wiederholt sich so alle halbe Stunde, zwischendurch nicke ich immer wieder völlig weg.

Gegen 6 Uhr ist der Herr aber wach und auf der Suche nach Kaffee. Die liebe Schwester überredet ihn, sich doch ein bisschen auf der Station aufzuhalten, damit ich noch ein wenig schlafen kann.

Der Professor steht an meinem Bett und erzählt, dass es gleich losgehen kann. Und wenig später steht da noch ein anderer Arzt mit einer Nadel, die an eine Harpune erinnert. – Die ist für die Entnahme, das tut kaum weh. Obwohl ich das leicht sagen kann, ich hatte noch nie eine Leberbiopsie. – Danke für diese Worte, jemand der dazu steht, dass er meine Situation nicht kennt, noch dazu ein Arzt, ich bin beeindruckt.

Die liebe Schwester ist wieder da und hält mir die Hand. Dank ihr bekomme ich auch nochmal eine Tablette zur Beruhigung. Der Professor sucht im Ultraschall die richtige Stelle aus. Der restliche Bauch wird mit einer Folie abgeklebt. Dann gibt es eine Spritze wie beim Zahnarzt. Die brennt wie Hulle und bringt nicht viel. Jetzt ist die Harpune dran. Und ja, es tut weh. Leider konnte die neue Beruhigungstablette in der kurzen Zeit noch nicht wirken.

Der Professor zeigt mir das Ergebnis: Eine kleine Faser Leber, die in einem Becher herum schwimmt. Cool.

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Als alle wieder aus meinem Zimmer raus sind, ballert das Mittel und ich verschlafe den gesamten Vormittag. Als ich aufwache, ist auf einmal ein anderer Mann hinter dem Vorhang. Ich kann mich vage an diesen Wechsel erinnern, den ich im Halbschlaf mitbekommen habe. Der neue Mann liegt die ganze Zeit im Bett und sieht mit Kopfhörern wortlos fern, sehr sympathisch.

Ich darf nach den verschlafenen vier post-OP-Stunden den Sandsack von der Punktionsstelle  nehmen (der muss da drauf liegen, damit nichts nachblutet), etwas essen und durch die Gegend laufen, aber alles was mich interessiert ist das Ergebnis.

Wie geht es meinem Herbert? Kann ich mit nach Südafrika? Würde mir mal bitte jemand sagen was hier los ist?! Um sieben kommt ein Arzt und sagt mir, dass eine leichte Entzündung in der Leber ist, welche die hohen Werte verursacht, aber es sei keine Abstoßung. Morgen darf ich dann nach Hause.

Mit dieser Info bin ich erstmal raus gegangen, bis runter ans Meer, den Kopf frei bekommen. Ich habe das Gefühl durch mein Leben zu rennen, ständig angeschubst von anderen und das Ziel unerreichbar weg. Der Druck wird immer größer und die Kräfte schwinden… Zeit ein bisschen am Meer zu sein.

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Als ich wieder in der Klinik bin fühle ich mich leer und rufe Christian an. Dabei geht die Sonne unter. Danach geht es mir besser. Ich lege mich also ins Bett und versuche einzuschlafen.

Christians T-Shirt riecht immer mehr wie die Bettwäsche…

Nachtrag: Ich bin jetzt zu Hause und mir geht es langsam wieder besser. Meiner Leber geht es auch gut. Im Krankenhaus zu sein ist für mich emotionales Russian Roulette.